Den Patentschutz aussetzen

25.5.2021

claudiognypek

Ein Interview der Öffentlichkeitsreferentin des Ev. Kirchenkreises an Sieg und Rhein mit Pfarrer Helmut Müller, RIO Köln-Bonn Die allermeisten Menschen hierzulande gucken seit dem Winter mit ...

Ein Interview der Öffentlichkeitsreferentin des Ev. Kirchenkreises an Sieg und Rhein mit Pfarrer Helmut Müller, RIO Köln-Bonn

Die allermeisten Menschen hierzulande gucken seit dem Winter mit Argusaugen darauf, dass Verantwortliche schnell und in großer Menge Impfstoffe zu uns bringen. Sie dagegen machen sich für weltweite Impfgerechtigkeit stark. Wie passt das zusammen?

 

Ich kann verstehen, dass viele sich vor dem Virus schützen wollen und die Regierung an ihre Fürsorgepflicht erinnern. Doch finde ich es unerträglich, dass die wirtschaftlich reichen Länder mit 13% der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte der bisher geplanten Impfstoffproduktion aufgekauft haben.  Zu Recht sieht der Generalsekretär der WHO deshalb die Welt am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens.

 

Es gibt immerhin einige Stimmen, die zu bedenken geben, dass wir vulnerable Gruppen in den wirtschaftlich ärmeren Ländern nicht vergessen dürfen. Warum reicht Ihnen das nicht?

 

In der Tat versucht die Weltgesundheitsorganisation gemeinsam mit der globalen Impf-Allianz Gavi und der Forschungsplattform Cepi mit der globalen Impfstoffplattform COVAX sicherzustellen, dass bis Ende 2021 in den wirtschaftlich armen Ländern wenigstens ca. 20% der Bevölkerung geimpft werden kann. Doch selbst dieses Ziel scheint derzeit utopisch angesichts zu geringer Zahlungen der wirtschaftlich reichen Länder und zu wenig für diese Initiative nutzbarer Impfstoffe.

Das unsolidarische Verhalten der Industrieländer hat verhindert, dass Impfungen auf der Nord- und der Südhalbkugel parallel beginnen – die COVAX- Initiative konnte daran nichts ändern.

 

Wie wollen Sie eine gerechte Verteilung der Vakzine erreichen?

 

Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass die Staaten Europas oder Nordamerikas, wo die Mortalität zunächst enorm hoch war, eigene Risikogruppen vernachlässigen. Auch nicht alleine dadurch, dass Impfdosen gespendet werden – obwohl es eine menschenverachtende Strategie der USA, EU, Kanada und Großbritannien bleibt, Impfmengen aufzukaufen, mit denen die Bevölkerung dieser Staaten doppelt und dreifach durchgeimpft werden könnte.

 

Um einer gerechten Verteilung näher zu kommen, muss Deutschland sich in der EU dafür einsetzen, dass alles Wissen zur Impfstoffproduktion weltweit solidarisch geteilt und der Patentschutz wenigstens für die Zeit der Pandemie ausgesetzt wird.

 

Was kann ich persönlich zur weltweiten Impfgerechtigkeit beitragen?

 

Es gibt im kirchlichen und gesellschaftlichen Bereich einige Netzwerke, die wir unterstützen können. Es gilt, politischen Druck aufzubauen. Deshalb können wir z.B. die Petition von medico international und anderen auf Aufhebung des Patentschutzes auf alle unentbehrlichen Medikamente unterschreiben, ebenso wie eine Kampagne der Europäischen Bürgerinitiative mit dem Ziel, Impfstoffe und Behandlungen zur Bekämpfung der Pandemie zu einem globalen öffentlichen Gut zu machen.

https://www.patents-kill.org/deutsch/

https://noprofitonpandemic.eu/de/