Zweiter Rheinischer Ökumenetag auch digital ein Erfolg

1.12.2021

ruhr

Den Reichtum Gottes in den Geschwistern erkennen Zweiter Rheinischer Ökumenetag auch digital ein Erfolg Unter dem Motto „Ökumenisch bewegt – Auf dem Weg zur Vollversammlung des Ökumenischen ...

Den Reichtum Gottes in den Geschwistern erkennen

Zweiter Rheinischer Ökumenetag auch digital ein Erfolg

Unter dem Motto „Ökumenisch bewegt – Auf dem Weg zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 2022“ lud die Evangelische Kirche im Rheinland am Samstag, 27. November, zu ihrem Zweiten Rheinischen Ökumenetag ein. Ursprünglich präsentisch in Bonn geplant, konnte er wegen der pandemischen Situation nur digital stattfinden. Trotz dieses Handicaps entfaltete sich das Programm lebendig und flexibel. Dazu trug auch eine internationale Gruppe des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) bei. Sie brachte den 90 Teilnehmenden ein Flair der weltweiten Ökumene mit.

Zum ersten Mal in seiner über 70-jährigen Geschichte plant der ÖRK eine Vollversammlung in Deutschland. Vom 31. August bis zum 8. September 2022 kommen die Delegierten unter dem Leitwort „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“ in Karlsruhe zusammen. Der Rheinische Ökumenetag, so beschrieb Superintendent Jürgen Buchholz zum Auftakt das Ziel, sollte auf die Themen der Vollversammlung einstimmen und mit konkreten Ideen und Materialien zu Vorbereitung und Teilnahme anregen. Buchholz sprach die Hoffnung aus, „dass wir erleben können, wie wir innerlich und äußerlich bewegt werden“.

Eine Begegnung des Rheinlands mit der Welt sah Oberkirchenrätin Barbara Rudolph in der 2022 erwarteten Vollversammlung des ÖRK. Sie übermittelte Grüße von Präses Dr. Thorsten Latzel sowie der Kirchenleitung und verband sie mit dem Anliegen, dass im kommenden Jahr aus Anlass der Vollversammlung an vielen Orten Gottesdienste gefeiert und Menschen durch vielfältige Aktionen für die Ökumene interessiert werden. Sie betonte: „Ich wünsche mir, dass die ÖRK-Vollversammlung uns bewegt auf dem gemeinsamen Weg, der versöhnt und eint.“

Illustre Gäste aus der weltweiten Ökumene konnte Ursula Thomé vom Rheinischen Dienst für Internationale Ökumene (RIO) begrüßen: 14 Mitglieder, unter anderem von den Fidji-Inseln, aus Ägypten und Kenia, engagiert in verschiedenen Netzwerken des ÖRK. Sie hatten sich zur Vorbereitung des Jugendtreffens vor der Vollversammlung in Genf eingefunden und wurden von dort zugeschaltet. Joy Eva Bohol von der United Methodist Church of the Philippines, verantwortlich für das Jugendprogramm des ÖRK, freute sich, dass die jungen Leute zumindest digital an dem Ökumenetag teilnehmen konnten und forderte: „Wenn wir über Zukunft reden, muss Jugend mit am Tisch sitzen.“

„Jeden von euch sehe ich als Familienangehörigen an“, betonte Erzbischof Marc McDonald in einem geistlichen Impuls. „Alle lebendigen Kreaturen Gottes, sind meine Verwandten.“ McDonald ist nationaler indigener anglikanischer Bischof in Kanada. Als solcher ist er der Oberhirte aller indigenen kanadischen Anglikaner. In dieser Eigenschaft vertritt er nach eigenen Worten die indigenen Opfer christlicher Mission, die Hunderten von Kindern den Tod gebracht habe. Als Herzstück seiner Arbeit beschrieb er den Wunsch nach Versöhnung durch die Kraft Gottes. „Lasst uns alle Agenten der Versöhnung sein, denn das ist unsere Aufgabe“, forderte McDonald.

Moderiert von Bettina von Clausewitz ließen Akteurinnen und Akteure, die an der ÖRK-Vollversammlung 2022 mitwirken werden, in kurzen Schlaglichtern aufscheinen, was sie mit den Stichworten „bewegt – versöhnt – eint“ verbinden. Dr. Stefanie Bluth, Delegierte der EKiR zur Vollversammlung, beschrieb auch schmerzliche Erfahrungen, beispielsweise mit bisher unvereinbaren Auffassungen zu Fragen der Gleichberechtigung oder der sexuellen Orientierung. In diesen Fällen müsse man den Schmerz des anderen wahrnehmen und aushalten, ehe man einen gemeinsamen Weg finden könne. Diesen Gedanken griff Lusungu Mbilinyi, gebürtiger Tansanier und Studienleiter am Bildungszentrum der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), auf. „Es ist wie in einer Ehe: man kann sich trotzdem lieben, auch wenn man nicht einer Meinung ist“, meinte er.

„Ökumene heißt für mich: Nimm mich so, wie ich bin.“ So definierte David Nwankpa, Leiter der Pfingstgemeinden in Düsseldorf sowie der Zentrale der nigerianischen Gemeinden Europas die weltweite christliche Gemeinschaft. Er nahm als Vertreter des Internationalen Kirchenkonvents sowie der multikulturellen Gemeinden in Deutschland an der Tagung teil. „Ökumene ist dort, wo ich mich zusammen mit meinem Bruder zu Hause fühle“, hob er hervor und mahnte an, sich mehr vom Heiligen Geist bewegen zu lassen.

„Der ökumenische Geist ist eine Bewegung, die Generationen vereint“, betonte Joy Eva Bohol, die auf die Jugend als gestaltende Kraft der Zukunft setzt, auch wenn sie vor großen Herausforderungen stünde. Sie erinnerte daran, dass Jesus mit 33 Jahren gestorben sei. Zusammen mit seiner „Gang“ aus lauter jungen Leuten habe er die Welt bewegt. Als beherrschende Themen der Jugend auf den Fidji-Inseln beschrieb Olivia Baro als Vertreterin der Pazifik-Region neben der Pandemie den Umgang mit sozialen Medien, der den persönlichen Kontakt untereinander einschränke. Als Herausforderungen in ihrer Region nannte sie den Klimawandel, die Auswirkungen der Atomtests sowie die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung wie im indonesischen West-Papua.

Diesem besonderen Problem widmet sich das Indigenous Peoples‘ Network im ÖRK. Die indigenen Völker verfügten über einen riesigen Schatz an Spiritualität und Kultur, den es zu bewahren gelte, unterstrich Seforosa Carroll von den Fidji-Inseln. „Unsere Aufgabe ist es, die Anliegen der indigenen Völker von den Rändern in den Mittelpunkt der Ökumene zu stellen.“

Sechs Workshops zu verschiedenen Themen prägten den zweiten Teil des Rheinischen Ökumenetags. Rassismus auch in der Kirche wahrzunehmen und darin begründete Haltungen zu verändern war das Anliegen einer Gesprächsgruppe mit Sarah Vecera von der VEM. „Das Thema wird in den Kirchen moralisch sehr hochgehängt, aber eine Selbstreflexion findet nicht wirklich statt“, erklärte sie. „Der Mythos der Gleichheit steht ihr im Weg.“ Subtilen und strukturellen Rassismus im Alltag gelte es zu entlarven und es sei notwendig, sich mit weißen Privilegien auseinander zu setzen.

„Weltweite Ökumene zu Fuß“ griff die Erfahrungen von Gemeinden beim Überwinden kultureller und konfessioneller Grenzen auf. „Zugewanderte aus allen Teilen der Welt bringen ihre Frömmigkeit mit zu uns“, erläuterte Pfarrer Bendix Balke, Leiter der Interkulturellen Kirchengemeinde An Nahe und Glan, einem Erprobungsraum der rheinischen Kirche. „Um internationale Ökumene zu erleben, braucht man in kein Flugzeug zu steigen, man findet sie in der eigenen Region.“ Kirchenrat Mike Lee beschrieb die Erfahrungen migrantischer Gemeinden in Deutschland und warb für einen Brückenschlag der einheimischen Gemeinden zu ihnen.

Die Initiative „Sicherheit neu denken“ sieht sich auf dem vom ÖRK angeregten „Pilgerweg für Gerechtigkeit und Frieden“. Sie steht für einen umfassenden Paradigmenwechsel von einer militärischen zu einer zivilen Sicherheitspolitik. Anschaulich beschrieb der Koordinator der Initiative, Ralf Becker, den Weg zu einer Gesellschaft, die auf Gewaltprävention und Kooperation setzt. RIO-Pfarrer Helmut Müller zeigte Möglichkeiten auf, wie Gemeinden, Kirchenkreise und die Landeskirche sich aktiv einbringen können. Er knüpfte damit an den Friedensbeschluss der Landessynode an.

Der „Wuppertal Call – Kairos for Creation” stand im Mittelpunkt einer Arbeitsgruppe mit Dr. Jochen Motte von der VEM. Der Aufruf an Kirchen und Gesellschaft zur ökologischen Umwandlung soll in die ÖRK-Vollversammlung eingebracht und als Thema für die nächste Dekade vorgeschlagen werden. Der Workshop mündete in eine Fürbitte für Politikerinnen und Politiker während der Schlussandacht, dass sie ihre Verantwortung für die Beschlüsse der Klimakonferenz in Glasgow erkennen und entsprechend handeln.

Chancengleichheit für die Länder des globalen Südens mahnte ein Workshop zur Corona-Pandemie an. Sie verschärft die ohnehin prekäre Lage in vielen Ländern zusätzlich. Bei den angestrebten Nachhaltigkeitszielen gibt es erhebliche Rückschläge im Bereich Ernährung, Bildung und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Dietmar Boos von der Kindernothilfe führte aus, dass bisher viel zu wenige Menschen im globalen Süden eine Chance zum Impfen hatten.
Lösungswege können sein: weltweite Impfgerechtgkeit, Aufhebung der Patente auf Impfstoffe und Aufbau einer lokalen Struktur zur Herstellung der Impfstoffe.

Ein wesentliches Element lebendiger Ökumene wurde von allen Beteiligten schmerzlich vermisst: die persönliche Begegnung. Mit Hilfe neuer Formate und einer von Thomas Zügge souverän beherrschten Technik gelang es jedoch Interesse für die bevorstehende ÖRK-Vollversammlung zu wecken. Nach der ursprünglichen Planung sollte gemeinsames Singen das gesamte Programm durchziehen. Doch auch die per Video eingespielte Musik brachte zusammen mit den lebhaften Diskussionen den ökumenischen Geist überraschend spürbar in den Tag.

Marion Unger